Angelberichte

Sommer, Sonne, Meerforelle – Fünen 2021

Nachdem meine Kontaktversuche zu den dänischen Meerforellen im letzten Jahr ziemlich erfolglos geblieben sind, war es Ende August endlich an der Zeit für einen neuen Anlauf. Diesmal sollte es für eine Woche an die Nordküste der Insel Fünen gehen. Wenn ich Fünen sage, merkt man schon, dass die anglerischen Belange dieses Jahr besser in die Reiseplanung integriert waren, denn die Insel hat den Ruf, das Meerforellen-Eldorado Dänemarks zu sein. Wir bezogen ein Ferienhaus in unmittelbarer Nähe zu einem erstklassigen Revier, der Landzunge Enebaerodde am westlichen Ausläufer des Odense-Fjords. Die zur offenen Küste zugewandte Seite verspricht auch in den Sommermonaten gute Fangmöglichkeiten. Etwa sieben Kilometer lang ist die Strecke, wobei für die warme Jahreszeit vor allem der letzte Abschnitt bis zum Leuchtturm am Eingang des Fjords angepriesen wird. Hier ist tiefes Wasser immer in Wurfweite. Das Schwierige dabei: Man kann sich als Urlauber nicht einfach mit dem Auto zum Hotspot beamen, denn “Odden” ist ein Naturschutzgebiet und darf von Außenstehenden nur zu Fuß betreten oder mit dem Fahrrad befahren werden. Allerdings, auf zwei Rädern bringt einen der Weg, den man gut und gerne als Kies- und Schotterpiste bezeichnen kann, stellenweise an die Grenze des Machbaren. Erst Recht, wenn man nur mit den offroad-untauglichen Citybikes des örtlichen Fahrradverleihs ausgestattet ist.

Trotz klappriger Gesamterscheinung: Der angebaute Kindersitz erwies sich als ausgezeichneter Rutenhalter

So schlitterten und holperten wir am ersten Angeltag dem Leuchtturm entgegen, was unter den gegebenen Bedingungen hin und zurück jeweils eine dreiviertel Stunde Fahrrad-Rallye bedeutete. Auf dem Damm am Beginn der Angelstrecke der erste Aufreger: Die Rinderherde, die auf der Landzunge wohnte, ließ es sich gerade am hiesigen Strand gutgehen. Während die meisten Tiere im Sand lagen, standen einige Seekühe (Achtung, Wortwitz) auch unmittelbar neben und mitten auf dem Weg. Zum Glück erwiesen sich die großen Wiederkäuer als entspannte Zeitgenossen, denn sie reagierten auf unsere Nähe mit größtmöglicher Gelassenheit.

Rindstation!

Im Angelladen in Odense hatte man uns gesteckt, dass Makrele derzeit gut laufen soll. Der Leuchtturm war als guter Spot genannt worden. Hier angekommen, fanden wir für die Angelei auf die kleinen Räuber tatsächlich gute Bedingungen vor: Es war sonnig, verhältnismäßig windarm und unter dem Leuchtturm war das Wasser dunkelblau, denn es ging schon nach wenigen Metern ordentlich in die Tiefe. Muss es ja auch, bei den mitunter riesigen Kähnen, die sich tagein, tagaus durch den Fjordeingang pressen!

Die erste frohe Erkenntnis für uns als Meerforellentouristen: Die Ostsee war dieses Jahr nicht derart aufgeheizt wie letztes Jahr. Damals fühlte sich das Wasser wärmer als die Luft an, nun war es umgekehrt. Ein gutes Zeichen! Die ersten Würfe in unbekanntes Wasser sind für mich trotzdem immer mit einer gewissen Anspannung verbunden. Erst recht als Thüringer Landratte im Anblick dieser gewaltigen Salzwassermassen. Macht man alles richtig und macht die Methode Sinn? Wird überhaupt etwas gehen? In Anbetracht des Makrelenwetters wählten wir kleinere Meerforellenblinker mit Reflexfolie und führten sie schnell und oberflächennah. Dabei befanden wir uns zeitweise unter Beobachtung einer neugierigen Robbe, die immer wieder senkrecht im Wasser stand und mit dem Kopf aus den Wellen lugte. Nach einer halben Stunde Angelei der ersehnte Moment: Meine Angelpartnerin hatte Fisch am Band! Keine Makrele, aber einen anderen Sonnenwetterfreund: Ein Hornhecht in Köderfischgröße hatte dem glitzernden Blech nicht widerstehen können. Wenige Würfe später war dieselbe Rute wieder krumm. Kein Hornhecht, das war im Wasser schnell zu erkennen, aber auch keine Makrele. Die Kämpferin am anderen Ende der Leine war eine kleine Meerforelle und die Freude darüber riesig! Was für ein schönes Tier! Der Rücken und der Schädel olivgrün, die Flanken silber. Die Flossen und die Augen hatten einen leicht gelblichen Schimmer. Rasch zurück ins heimische Element mit ihr!

Eine Verschnaufpause wurde uns danach nicht gegönnt, denn jetzt ging es Schlag auf Schlag. In den nächsten Minuten gingen gleich zwei weitere Mefos auf denselben Blinker. Alles Fische Mitte zwanzig. Was ist denn hier plötzlich los? Vom Fisch der tausend Würfe zum Fisch der zehn Würfe degradiert? Auch ich bekam schließlich einen Meerforellenbiss, sie stieg jedoch im Drill aus. Kurze Zeit später landete aber auch meine erste Mefo im Kescher – der letzte Fisch an diesem Tag, denn nach dieser Beißphase von einer knappen Stunde passierte nichts mehr. Trotzdem, was für ein verheißungsvoller Start! Die vorsichtige Hoffnung auf eine gute Angelwoche war geweckt!

Blutmond-Aufgang über der Ostsee

Beide Bisse kamen bei mir übrigens nicht auf den Spinnköder, sondern die Springerfliege. Dabei handelt es sich um ein beliebtes Mittel, um die Fangchancen beim Spinnfischen auf Meerforelle zu erhöhen. Man bringt am Vorfach einen Seitenarm von etwa 20-30 Zentimetern an, zum Beispiel mittels Springerfliegenknoten. Flexibler (aber weniger diskret) ist man mit einer Variante mit Wirbel, Gummistopper und Snap. Der Seitenarm lässt sich einfach verschieben oder je nach Situation in Sekunden komplett entfernen. Das Ganze funktioniert bei einem Biss als Gleitmontage. Nimmt ein Fisch die Fliege, rutscht der Seitenarm nach unten. Der Spinnköder befindet sich dadurch im Drill vor dem Fisch und kann ihn nicht verletzen oder sich in Pflanzen oder Steinen verfangen.

Die legendäre Polar Magnus darf natürlich nicht fehlen, wenn es an die Küste auf Meerforelle geht!

Am nächsten Abend versuchte ich mein Glück ganz am Anfang der besagten Strecke unmittelbar vor dem Damm. Schritt für Schritt und Wurf für Wurf arbeitete ich mich in hüfthohem Wasser durch ein Seetangfeld. Es war den ganzen Tag recht sonnig und warm gewesen. Jetzt, eine Stunde vor Sonnenuntergang, kam aber nochmal etwas Wind auf. In gemächlichem Rhythmus klatschten die Ostseewellen gegen meine linke Seite und verpassten mir jedes Mal einen sanften Schubser. Der erste Biss ließ nicht lange auf sich warten und kam auf einen Wurf parallel zum Ufer, direkt an der Kante des Tangfeldes. Eine Meerforelle knapp unter dreißig hatte versucht, sich die Springerfliege einzuverleiben und markierte damit den nahtlosen Anschluss an den vorangegangenen Angeltag. Wieder zischte der Köder Richtung Horizont und schlug in die Wellen hundert Meter entfernt ein. Wenige Kurbelumdrehungen später folgte ein zweiter, wesentlich größerer Schwall. Die Bremse kreischte kurz auf. Fisch! Havørred! Und diesmal eine bessere! Nach der ersten Flucht ließ sie sich schnell auf Kescherdistanz bringen, hier begann jedoch noch einmal ein nervenaufreibender Tanz unter der Rutenspitze. Da hatte jemand richtig Hunger gehabt, denn nicht die kleine Magnus, sondern der Blinker hing im Maul. Hoffentlich hatte der Haken gut gefasst! Ich rechnete die ganze Zeit damit, dass die Mefo ausstieg, doch an diesem Abend war Petrus auf der Seite des Anglers. Nach einigen Anläufen lagen schließlich 47 Zentimeter blankes Ostseesilber im Netz. Küchenfisch!

Tags darauf wurde es noch sonniger und nahezu windstill. Nochmal richtiges Makrelenwetter! Also wieder auf den geschundenen Drahtesel geschwungen und das tiefe Wasser unterhalb des Leuchtturms angesteuert. Diesmal lag ein latenter Abgasgeruch über dem Strand, so viele Boote waren unterwegs. Waren bisher kaum andere Angler zu sehen gewesen, hatten heute einige Boote Angelruten im Einsatz. Sind die Dänen etwa Schönwetterfischer? Es musste einen Grund geben, warum so viele auf dem Wasser waren, also machte ich mit vorsichtigem Optimismus meine ersten Würfe. Das Highlight des Tages hatte allerdings nichts mit der Angelei zu tun. Plötzlich war aus nördlicher Richtung ein lautes, rhythmisches Prusten zu hören, das immer näher kam. Durch meine Recherchen war ich auf diesen Moment vorbereitet gewesen, aber es mit eigenen Augen und Ohren zu erleben, das hatte etwas Magisches. Ja, da kam ein Schweinswal mit schnurgeradem Kurs in den Fjord hineingeschwommen. Vier oder fünf Atemzüge nahm er, dann tauchte er für einige Sekunden ab, nur um das nächste Mal Luft zu holen. Völlig unbeirrt zog er an mir vorüber. Nach wenigen Minuten verblassten seine Atemgeräusche und der Tagtraum war vorbei.

Wal, da bläst er! Leider hatte ich keine Kamera mit Teleobjektiv dabei.

Und Fisch? Weder ich noch ein Boot in Sichtweite bekamen an diesem Nachmittag oder Abend irgendetwas ans Band. Bis heute bleibt es mir ein Rätsel, warum ausgerechnet an diesem Tag so viele die Idee hatten, angeln gehen zu müssen. Selbst auf meinem Rückweg kamen mir Angler zu Fuß, auf dem Fahrrad und sogar mit dem Auto entgegen. Was auch immer sie wussten, was ich nicht wusste: Ich wünsche Ihnen, dass sie bei ihrem Vorhaben Erfolg gehabt haben. Für mich war jetzt Spotwechsel und Angeln im Zweierteam angesagt. Bis zum Dunkelwerden wagten wir neben dem Damm noch einige Würfe mit der Spinn- und Fliegenrute, aber nichts rührte sich im Ententeich. Ganz und gar fischlos ging der Tag trotzdem nicht zu Ende: Irgendwie habe ich es geschafft, eine Seenadel fürs Foto kurz an die Luft zu entführen. Zählt das als entschneidert?

Die folgenden Tage lassen sich schnell zusammenfassen. Es gab einen krassen Wetterumschwung, der das Angeln an der offenen Küste bald richtig unbequem machte. Selbst wenn man gegen den Wind ankam, hatte man nach jedem Wurf “Ostseesalat” an Köder und Schnur und war mehr mit dem Saubermachen als mit Angeln beschäftigt. Die Meerforellen dieser Welt schienen wieder ihre vollen tausend Würfe entfernt zu sein. Am letzten Tag war ich deswegen zunächst im windgeschützen Hafen von Odense, um mein Glück beim Streetfishing je nach Wetterlage mit Heringspaternoster oder Buttlöffel zu probieren. Nicht unerwähnt bleiben soll die kapitale Krabbe, die mit letztgenannter Montage an die Oberfläche befördert werden konnte. Mit einer Schere hatte sie sich an den Gummiwattwurm geklammert, ließ aber los, ehe ich mir überhaupt Gedanken machen konnte, ob man Krabben vorzugsweise mit dem Kescher oder mit der Hand landet.

Zugegeben, es gibt schönere Orte, um auf Fünen zu angeln. Vor allem in der kalten Jahreszeit soll sich jedoch für Mefo-Angler ein Abstecher in den Hafen lohnen.

Um nichts unversucht gelassen zu haben, düste ich am selben Abend aus der Stadt Richtung Norden, um der nahegelegenen Müllkippe einen Besuch abzustatten. Ja, richtig gelesen. Aber nein, der “Lossepladsen” ist längst außer Betrieb, renaturiert und als Naherholungsgebiet ausgeschrieben – und die dem Fjord zugewandte Seite ein guter Meerforellenspot im Herbst. Mehrere Gedanken führten mich hierhin: Zum einen war es astronomisch gesehen bereits fast Herbst, außerdem war der Sommer eher kühl ausgefallen. Zum anderen rechnete ich bei den aktuell herrschenden Bedingungen an der offenen Küste damit, dass hier im Fjord die perfekte Dosis Wind ankommen könnte. Und tatsächlich, nach einer knappen Stunde am Spot tauchte hinter meinem Blinker ein großer Schemen auf. Grundgütiger, das war ein ziemlich fetter Nachläufer! Ich schätzte das Tier auf 50-60 Zentimeter. Wenige Würfe später der nächste Fisch auf Verfolgerkurs. Diesmal erkannte ich das fischereiliche Gegenüber deutlich und konnte es sicher als Meerforelle ansprechen. Ärgerlich und schön zugleich! Ich verweilte meine restliche Zeit noch hier, in der Hoffnung, dass eine entschlossenere Mefo vorbeischwimmt. Dann kam der Moment: Ein plötzlicher Ruck in der Rute, ein letztes Mal kreischte die Bremse der Rolle kurz auf. Anhieb vermasselt! Das war’s, mein Zeitfenster war um. Ich hätte eher hier sein sollen, am besten schon am Vortag. Auf dem Rückweg zum Auto wurden meine Schritte von den hektischen Schlägen hunderter Flügel begleitet, denn zwei garstige Silbermöwen jagten Schwärme von Blässhühnern über das Wasser. Ein letzter dankender Gruß Richtung Ostsee, dann ging es nachhause.

Fazit: Ich freue mich riesig, dass es uns im zweiten Anlauf gelungen ist, den Meerforellen-Code zumindest zeitweise zu knacken. Mit einer weiteren Woche Zeit wäre sicher noch mehr möglich gewesen. Dafür aber, dass es sich nicht um einen reinen Angelurlaub gehandelt hat, waren die ersten Mefos ein großer anglerischer Erfolg für uns, den wir mit Fisch auf dem Teller und dänischem Met im Becher feierten. Ja, die Küstenfischerei in Dänemark kann ziemlich verflixt daherkommen, umso schöner sind dann aber die Momente des Erfolgs. Fast schon überflüssig, zu sagen, dass ich jedem Angler empfehle, dieses tolle (Angel-)Land und insbesondere Fünen einmal besucht zu haben.

Bis zum nächsten Mal!

Hannes

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