Angelberichte

Äsche mit der UL?

Letzten Sonntag wurde der Schönwetterangler in mir von der Julisonne zu einem kürzeren Trip ans Wasser gelockt. Nicht an die Saale, sondern an ein kleineres Thüringer Fließgewässer sollte es diesmal gehen – und zwar mit der ultraleichten Spinnrute. Also schnell alles zusammengepackt, noch einmal kontrolliert, ob die Box mit den Einzelhaken-Ködern in der Tasche ist (Pflicht an vielen Thüringer Salmonidengewässern) und dann nix wie los! Ob die spontane Aktion Erfolg hatte, erfahrt ihr in meinem kleinen Bericht. Viel Freude beim Lesen!

Angekommen am Fluss beschert mir ein Streckenabschnitt mit schnell fließendem Wasser sofort einige Bisse von hungrigen, aber untermaßigen Bachforellen. Da ich keine Köder mit Schonhaken dabeihabe, ist das ein Grund, den Abschnitt bald zu wechseln und es weiter stromauf zu probieren. Oberhalb des Wehres scheint die Aussicht auf einen guten Fang jedoch zu schwinden. Selbstverständlich schiebt sich das Wasser hier handzahm im gebremsten Tempo auf das Hindernis zu, damit war zu rechnen. Keine guten Voraussetzungen für Spinnköder also. Dezenter Geruch und ausgeprägte Trübung lassen außerdem erahnen, dass man hier ein ganzes Stückchen von der Gewässergüteklasse 1 entfernt ist. Das dämpft die Angellust, nichtsdestotrotz werden zwei Spots fächermäßig abgeworfen, um zu schauen, ob hier vielleicht doch etwas geht. Und tatsächlich: Auf einen Wurf 45 Grad stromab plötzlich ein Nachläufer! Eine größere Silhouette hat sich an die Fersen meines Spinners geheftet. Aber sind die Umrisse nicht zu ausladend für eine Bafo? Genau! Es ist ein Barsch – und kein schlechter! Mindestens 35 cm schätze ich, sicher mehr! Zu einem Biss lässt der Getigerte sich aber leider nicht verleiten. Den Köder begleitet er fast bis ans Ufer, dann dreht der Knabe (oder die Knäbin) gemächlich ab. Es bleibt dabei: Das Volk der Stachelritter mag mich nicht. Der Barsch war die erste und die letzte Begegnung an dieser Stelle, aber der Ehrgeiz ist geweckt! Spotwechsel!

Etwa zweihundert Meter stromauf kommt schließlich ein Spot mit überhängenden Ästen und sowohl flachen als auch tieferen Wasserbereichen. Das sieht doch vielversprechend aus! Inzwischen ist es nach sieben Uhr und die Aktivität der Wasserbewohner scheint zugenommen zu haben. Teilweise sind laute Platscher zu hören, die den ein oder anderen stärkeren Fisch außerhalb meines Sichtfeldes verraten.  Erster Wurf schräg stromauf, sodass der Köder unter den tiefen Ästen durchläuft. Kurz vorm Ufer: Nachläufer! Gleich zwei! Das sind sogar größere Fische! Aber kein Biss. Also sofort den Köder gewechselt und nochmal ausgeworfen. Wieder kommen zwei graue Schemen hinterher geschwommen. Einige Meter vor dem Ufer bekomme ich einen Hänger. Das gibt es doch nicht! Die beiden Schemen bleiben stehen und untersuchen die Stelle, an der der Köder feststeckt. Merkwürdig, so verhalten sich Forellen eigentlich nicht! Mit etwas Zug löst sich der Hänger. Die beiden Fische weichen verwundert aus, aber fliehen nicht. Bei diesem Manöver dreht sich das größere Exemplar von beiden in der Strömung etwas zur Seite. Jetzt kann man sie für einen kurzen Moment deutlich sehen: eine lange Rückenflosse, die sich elegant in der Strömung bewegt. Herrgott, das sind Äschen!

Dass es in diesem Gewässer Äschen gibt, weiß ich natürlich, aber dennoch ist es eine Überraschung, diese edlen Tiere in solch einer Konstellation anzutreffen. Außerhalb der Schonzeit ist es hier ausdrücklich erlaubt, der Äsche nachzustellen. Außerdem sind das hier keine kleinen Fische, so viel war vom Ufer aus abzuschätzen. Also: Noch einen Versuch wagen! Aber vorher nachdenken, was sich bei erhöhtem Adrenalinspiegel natürlich schwierig gestaltet. Äschen gehen auch auf kleine Spinnköder, also die Box nach den kleinsten Spinnern, Wobblern und Spoons durchsucht, die ich mithabe. Wurf! Und wieder Nachläufer! Köderwechsel, Wurf, Nachläufer! Köderwechsel. Kein Nachläufer. Aber ein kleiner getigerter Barsch wechselt seelenruhig vor dem Ufer in tieferes Wasser. Was ist denn hier los? Köderwechsel, Wurf, Nachläufer! Und kein Biss. Das, was ich anzubieten habe, scheint alles furchtbar interessant zu sein, aber daran knabbern will niemand. Zeit, die Taktik zu ändern!

Na, wer kann die Äsche entdecken? Tipp: Bildmitte.

In meinem Vorfachmäppchen fürs Fliegenfischen habe ich auch einige kurze Vorfächer (ca. 70 cm) mit kleinem Wirbel. Damit werden Fliegen in begrenztem Maße auch für UL-Ruten tauglich. Nachbildungen von Nymphen gelten als die Äschenköder schlechthin, also fällt die erste Wahl auf ein dezentes Muster dieser Machart. Um sicherzugehen, dass das auch rechtlich klargeht, zunächst noch einmal den Erlaubnisschein durchgelesen. Hier werden Fliegen bei den auf den hiesigen Spinnangelstrecken gestatteten Ködern in einem Atemzug mit Spinnern, Wobblern, Blinkern und Streamern genannt. Also los! Meine Rute hat ein Wurfgewicht von 1-5 g, ist aber heute nur manövrierfreundliche 1,85 m lang. Das Gewässer ist eben nicht sehr breit, dafür aber am Ufer meistens dicht mit Sträuchern und Bäumen bewachsen. Für ein paar Meter sollte es trotzdem reichen! Der erste Wurf geht vollkommen schief, ich muss mich erst an das nicht vorhandene Wurfgewicht gewöhnen. Beim nächsten Versuch sieht es schon besser aus: Schräg stromauf mit einer Wurfweite von vielleicht sieben Metern. Mehr schafft die Rute nicht, aber so könnte es passen! Ich sehe den Köder zunächst nicht, aber er scheint gut zu driften. Die dünne geflochtene Hauptschnur ist der Strömung nicht so stark ausgesetzt wie eine dicke Flugschnur und zerrt deswegen kaum an der Driftrichtung der Nymphe. Jetzt passiert sie meine Position! Sie gleitet knapp über den Grund hinweg, verrät der Blick durch die Polarisationsbrille. Das sieht doch gut aus! Und tatsächlich, ein mittlerweile bestens vertrauter grauer Schatten kommt darauf zu geschwommen. Ich stelle mich innerlich auf den Biss und den Anhieb ein. Wenige Meter von mir entfernt sehe ich genau, wie die Äsche die Nymphe mehrmals mit dem Maul anstupst. Wie spannend, dieses Verhalten einmal aus nächster Nähe zu beobachten! Ich muss unweigerlich an die ganzen Fliegenfischer (mich eingeschlossen) denken, die fleißig Cast für Cast ihre Nymphen treiben lassen und nicht wissen, dass sie vielleicht längst die – nur spielerische – Aufmerksamkeit der Schuppenträger gewinnen konnten. Mit anderen Worten: Das hat leider nicht geklappt!

In der Zwischenzeit hat die Aktivität an der Wasseroberfläche weiter zugenommen. Kleinere Fische machen sich überall bemerkbar und stromab ist immer wieder lautes Aufklatschen von steigenden Forellen zu hören. Dann, plötzlich, lautes Rascheln am gegenüberliegenden Ufer. Bitte nicht! Ein Stockenten-Erpel kommt die Uferböschung hinunter durch das trockene Laub geschlürft. Ich konnte gelegentlich schon von Brücken aus beobachten, dass Enten auf Salmoniden eine verstörende Wirkung haben und die Fische den Wasservögeln lieber ausweichen. Doch kurz bevor der Enterich ins Wasser springen kann, wird er auf mich aufmerksam und dreht um. Glück gehabt! Oder auch nicht! Der Kollege müht sich den Hang wieder nach oben. Und das mit mehr und mehr Einsatz seiner Flügel, doch es will nicht gelingen. Dabei veranstaltet er einen Heidenlärm! Als er es endlich nach oben geschafft hat und sich auf die Suche nach einer anderen Badestelle stromab macht, befürchte ich, dass alle Wasserbewohner im Umkreis von 50 Metern aufgescheucht worden sind. Doch Äschen sind, wie ja hinreichend bekannt ist und wie dieses Beispiel hier bestätigt, alles andere als nachtragend. Das beschert mir an diesem Abend ein herrliches Naturschauspiel: Plötzlich steigt wenige Meter von mir entfernt ein größerer Fisch. Einige Sekunden später noch einmal. Sein Körper durchbricht die Wasseroberfläche und es schimmert violett. Jetzt steigen auch die Äschen! Was für ein Anblick! Wieder durchblättere ich die Vorfachmappe. Aber lediglich eine Trockenfliege am kurzen Vorfach mit Wirbel kann ich finden: ein furchtbares, großes Ding mit blauen Flügeln. Spätestens bei dem noch geringeren Gewicht und dem verhältnismäßig großen Luftwiderstand kommt meine UL an ihre Grenzen, da das Minimum an Wurfgewicht eigentlich mit der Nymphe schon erreicht war. Drei, vielleicht vier Meter schafft sie, aber das ist natürlich nicht ausreichend. Schwimmkugel funktioniert stromauf nicht gut, Hineinwaten kommt an diesem Spot auch nicht infrage. Ich habe noch ultraleichte Mepps-Spinner in der Tasche, Größe Doppelnull. Die können beim Auftreffen aufs Wasser einen gewissen „Fliegen-Effekt“ erzielen, aber leider sind da noch Drillinge dran. Um sie auf Einzelhaken umzurüsten, bräuchte ich eine Kneifzange. Die liegt jedoch zuhause. Nun, das war es dann wohl, denn viel Zeit bleibt hier nicht mehr.

Ich rüste noch einmal auf Spinnköder um, vielleicht erbarmt sich ja doch noch ein Barsch. Kurz vor dem Ufer schießt eine größere Forelle aus ihrem Versteck, packt den Spoon, aber bleibt nicht kleben. Zack, weg ist sie! Dann bleibt es heute wohl beim Beobachten von Fischen. Auch schön! Der Erpel kommt stromauf ins Bild geschwommen. Mit Argwohn, aber durchweg gelassen, beobachtet er mich. Ja, spotte du nur! Noch ein letzter Wurf. Einige Meter vorm Ufer kann ich das Spiel des Spoons mit den Augen verfolgen. Läuft eigentlich ziemlich gut, denke ich mir. Kurz bevor ich ihn eingeholt habe, sehe ich, wie er wenige Zentimeter vor einer Äsche vorbeitaumelt, die sich von dem Fremdkörper völlig unbeeindruckt zeigt und weiter fast reglos in der Strömung steht. Trotz ihrer beachtlichen Größe hatte ich sie bisher nicht bemerkt. Das ist noch einen Versuch wert! Ein letztes Mal für heute wechsle ich auf das Vorfach mit der schrecklichen blauen Fliege. (Ironie an) Das nenne ich mal einen Wurf! Stattliche vier Meter, vielleicht sogar fünf! (Ironie aus) 45 Grad stromauf lege ich die Fliege ab. Kurz bevor sie auf meine Höhe hinab gedriftet ist, verschwindet sie unter der Wasseroberfläche. Nein, das ist kein Fisch. Das Gewicht des Wirbels zieht die Fliege erfahrungsgemäß nach einigen Metern nach unten, da kann sie noch so eingefettet sein. Sekundenbruchteile später blitzt es jedoch im Wasser auf und es kommt Bewegung ins Spiel! Jetzt ist ein Fisch an der Leine! Einen Anhieb muss ich nicht setzen, der Fisch hängt bereits. Und schon durchpflügen die typischen Äschenrollen das Wasser vor mir. Einige Sekunden später ist der Fisch im Kescher und ein zarter Thymian-Geruch liegt in der Luft (oder zumindest bilde ich ihn mir ein). Was für ein schönes Tier! Maß hat sie aber nicht. Oder doch? Schnell überprüft, es sind 33 cm. Mindestmaß ist hier 35 cm. Also zügig ein paar Fotos gemacht und dann zurück in die gute, nasse Stube. Ich halte die Äsche mit dem Kopf in Richtung Strömung, damit Sauerstoff in die Kiemen kommt. Nach einigen Sekunden zieht sie ab und ist verschwunden. Was für ein verrückter Angeltag! Und was für ein Geschenk, solche Momente erleben zu dürfen!

Mit einer guten Portion Glück bekommt man in unserer Region auch heutzutage noch Äschen an die Leine. Zugegeben, die hier beschriebene Methode ist etwas exotisch und in den allermeisten Situationen absolut nicht praktikabel. Da ist die Äsche als „Forellenbeifang“ beim Fliegen- und leichten Spinnfischen sehr viel wahrscheinlicher. Doch schon letztes Jahr ist mir etwas Ähnliches in der Saale in Saalfeld geglückt. Hier war es ein Zufallstreffer auf weite Distanz mit Schwimmkugel und Fliege. Apropos: die Saalfelder realisieren seit diesem Jahr eine Maßnahme zur „Wiederansiedlung der Äsche in der Saale“. Richtig so! Es ist an der Zeit, sich mehr für diese faszinierenden Tiere einzusetzen. Wäre doch großartig, wenn Vergleichbares auch in Jena in die Wege geleitet werden könnte.

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